Hauptgefreiter Rink, Hannah (23)
Verpflichtung: 4 Jahre



„Genau wie auf dem Foto“, denke ich. Rot-schwarz gestreifte Sweatjacke, dunkelblaue Kopfhörer, schwarze Sneaker mit weißen Punkten. „Das wird sie sein!" Wir mussten schon eine ganze Weile nebeneinander gestanden haben und können uns das Lachen beide nicht verkneifen, als wir uns über die Ränder unserer Smartphones bemerken.

Im Café ist es voll und laut. Die Gespräche überlagern sich bereits, doch wir finden eine ruhigere Ecke. Hannah setzt sich mir gegenüber, zurückhaltend die Arme auf den Beinen verschränkt. Noch weiß ich nicht, ob es Unsicherheit ist oder bloß gesunde Vorsicht. Vielleicht ist sie skeptisch, was sie erwartet. Genau diese anfängliche Unsicherheit nahmen wohl auch ihre Kameraden wahr als sie grade frisch dabei war.

Immer wieder musste sie sich gegen das „Machogehabe", wie sie es selbst nennt, zur Wehr setzten. „Wenn du neu bist, wirst du generell erstmal von jedem Soldaten abgecheckt - ob da was geht. Aber die interessieren mich nicht.“, erzählt Hannah, während wir über ihre Grundausbildung in Bayern sprechen. Trotz der Entfernung nach Hannover stand auch zu dieser Zeit die Beziehung mit ihrem langjährigen Freund an erster Stelle. Undenkbar ist es für sie, auf Anspielungen ihrer Kameraden einzugehen. Um ihren vermeintlichen Verehrern direkt jeglichen Hintergedanken aus dem Kopf zu schlagen, erzählt die junge Frau viel von Vincent. Spätestens nach der ersten Vereidigung kannten ihn dann sowieso die meisten. Denn natürlich war er auch dabei gewesen, ganz vorne, für sie, mit aufgestelltem, blauen Irokesen. Noch immer muss Hannah schmunzeln, wenn sie darüber spricht, wie die anderen ihn angestarrt haben.

Hannahs Verständnis für die Grundlagen einer Beziehung sind eindeutig: „Wir vertrauen uns vollkommen. Anders würde es gar nicht funktionieren.“ Denn Vincent muss natürlich damit zurecht kommen, dass seine Liebe täglich fast ausschließlich von anderen Männern umgeben ist. 


Neben ihrer Beziehung stärkt auch Hannahs körperliche Fitness ihr Selbstbewusstsein. Durchhalte-vermögen ist für sie aber auch eine Kopfsache: „Beim Marschieren mit schwerer Ausrüstung muss man nur wirklich gewillt sein, es zu schaffen. Das Gruppengefühl motiviert einen dabei ziemlich. Da kann man schon mal zwei Stunden länger laufen, als man glaubte.“ Diese Stärke profitiere auch von gegenseitiger Unterstützung. „Es geht ja darum, als Team durchzuhalten. Das klappt nur, wenn man den Schwächeren hilft - egal ob männlich oder weiblich.“

Oberfeldwebel Klare, Silke (31)

Verpflichtung: lebenslänglich (Berufssoldat)


„Na, dann suchen wir mal meine Mädels!“, sagt Silke nach unserer kurzen Begrüßung zielsicher und marschiert los. Über den gepflaster-ten Bürgersteig machen wir uns auf den Weg zum Tor der Hauptwache. Vorbei an gepflegten Rasenflächen und grauen Verwaltungsgebäuden können wir schon die bunten Jacken der Schülerinnen sehen. Ein solch farbenfrohes Häufchen ist hier in der Emmich-Cambrai-Kaserne (heute: Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne) nur ein Mal im Jahr zu sehen. Unter dem Motto „Frauen in Uniform“ findet heute der „Mädchen-Zukunftstag“ der Bundeswehr statt. Silke wirkt als eine der Gruppenleiterinnen mit. In ganz Deutschland wurde der „Girls-Day“ vor einigen Jahren in „Future-Day“ umbenannt, um auch die Jungs einzubeziehen. 
Allein die Bundeswehr

behält es sich vor, nur Mädchen zu diesem Event einzuladen, um die Frauenquote in den kommenden Jahren steigern zu können. „Frauen werden gebraucht!“, erklärt Silke. Sei es im Sanitätsdienst oder in der Truppe bei Auslandseinsätzen. „Sie haben in vielen vor allem sensiblen Bereichen ein feinfühligeres Durchsetzungsvermögen, besonders gegenüber Männern." Den Mädchen wird heute ein exklusiver Einblick hinter die hohen Fassaden gewährt. Sie üben sich beispielsweise unter Begleitung ihrer Ansprechpatnerin in waffenloser Selbstverteidigung, dürfen beim Fahrsicherheitstraining mitfahren und lernen die Diensthunde kennen.

Silke ist die Leitung einer Gruppe durch ihre tägliche Tätigkeit gewohnt. Sie ist zuständig für die Ausbildung neuer Rekruten und setzt mit dieser Stellung immer wieder ein Zeichen für junge Frauen, die sich für diesen

Berufsweg interessieren. Die gelernte Köchin wollte ursprünglich im Bereich der Verpflegung der Bundeswehr einsteigen, entschied sich dann aber doch für die Feldwebellaufbahn bei den Feldjägern. Während ihrer Grundausbildung lernte Silke über ihre Grenzen zu gehen. Sie nahm innerhalb kürzester Zeit ganze acht Kilo ab und disziplinierte ihr Verhalten streng. Diese Disziplin sollen auch ihre Rekruten vorweisen: „Ich fordere die Neuen auf, körperlich mit mir mitzuhalten. Denn das, was ich kann, sollte jeder Soldat leisten können.“ Diese direkte, offene Konfrontation sucht Silke immer wieder und das hat sich oft ausgezahlt. Sie erzählt mir, dass sie nie Probleme mit „Anmach-Versuchen“ männlicher Kameraden hatte. Kurz hält sie inne und erinnert sich an eine Situation, in der sie einen Soldaten, der ihre Stube unaufgefordert betreten hatte, verbal herausbitten musste. Häufig sei dies jedoch nicht vorgekommen.

Fahnenjunker Plümer, Lara (18)
Verpflichtung: 17 Jahre




Ich stehe vor einer massiven Metall-tür. Das Geräusch des Schlüssel-bundes klingt entfernt. Dann klickt das Schloss zwei Mal und Lara schaut mir in Jogginghose und Plüschsocken entgegen. Hinter ihr eröffnet sich eine gemütliche, warme Wohnung.

Im Wohnzimmer grinst mir ein klappriges Modellskelett entgegen, geschmückt mit der restlichen Weihnachtsdeko und einem Dutzend beschrifteter Klebezettel. „Das ist Werner“, stellt sie mir ihren Mitbewoh-ner vor. Lara hat heute nicht viel Zeit, weil sie später noch zu ihrer Leiche für den Präparierkurs muss. Das Medizinstudium über die Bundeswehr fordert ein engmaschiges Lernkonzept von der gerade erst Volljährigen. Hierfür nimmt sie kurze Nächte in Kauf, verliert aber dennoch nicht ihren Humor.

Seit sie in der Schulzeit, damals noch "Plümi" genannt, ein Jahr in einem amerikanischen Krankenhaus arbeitete, hat sich ihr Berufswunsch gefestigt. Regelmäßig radelt Lara deshalb in aller Früh' in die Bibliothek der Medizinischen Hochschule Hannover, um für Klausuren und wöchentliche Zwischenprüfungen zu pauken. Diese Disziplin setzt sich die junge Soldatin schon seit ihrer allgemeinen Grundausbildung, kurz AGA, zum Ziel. „Ich will schon gut sein, in dem, was ich tue und vor meinem Vorgesetzten zeigen, was ich drauf habe. Die Männer sind deutlich mehr am Rumjammern als die Frauen.“, sagt sie. Schwäche zu zeigen könne sie sich als Frau nämlich garnicht leisten. „Es gibt keine Frauen und Männer, es gibt nur Kameraden!“, heißt hier ein Leitsatz. Doch Lara musste feststellen, dass es tatsächlich nur funktioniert, wenn man sich als Frau in der Gruppe außerordentlich profiliert.

In der AGA meldete sie sich ein Mal als stellvertretende Gruppenführerin: „Es war ein gutes Gefühl, die Männertruppe mal ganz alleine anzuleiten und zurecht zu weisen, als einzige Frau.“ Dieser Moment hat ihr die Akzeptanz der Männer verschafft, die zuvor vorurteilsbelastet und nicht von ihrer Durchsetzungsfähigkeit überzeugt gewesen waren. Lara wuchs in dieser Zeit von bloß drei Monaten mit einigen ihrer Kameraden fest zusammen und erfuhr Rückhalt. „Mit den Kerlen habe ich ganz schön was durchgestanden. Auf die würde ich mich immer eher verlassen, als auf meine alten Freunde“, versichert sie. Hier lernte die Studentin auch ihren jetzigen Freund kennen, der ebenfalls Medizin über die Bundeswehr studiert, allerdings in Berlin. Die Fernbeziehung ist eine Herausforderung, aber beide sind gewillt, das ständige Lernen auch mal auf die jeweils andere Stadt zu verlegen.

Lara ist Sanitätsoffizier-Anwärter und wird ihr Studium voraussichtlich nach insgesamt zwölf vorgeschriebenen Semestern beenden. Von diesem Zeitpunkt an wird sie als Militärärztin weitere elf Jahre verpflichtet sein der Bundeswehr zu dienen. Sie erzählt mir, es sei ihr Traum, mit ihrer Tätigkeit im Auslandseinsatz Menschenleben retten zu können und die gelernten Kampfmethoden nicht anwenden zu müssen.

Zweitausendeins

Erst seit dem Jahr 2001 ist es Frauen gestattet in allen Bereichen der Bundeswehr tätig zu werden.
Zuvor waren bestimmte Bereiche ausschließlich Männern vorbehalten. Erkennbar wird dies unter anderem bei Betrachtung der unterschiedlichen Dienstgrade, die weiterhin maskulin sind.

2016 begleitete ich diese drei Frauen fotografisch und befragte sie zu ihren Erfahrungen als Minderheit in der Männerdomäne Bundeswehr.